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Mittwoch, 18. November 2015

565. Post. Weiter geht die Suche nach "patinierten" Artefakten...

da die Oberflächen der älteren Artefakte auch oft deutliche "Patina" aufweisen...

Und so ist der aus Sicht des Sammlers viel zu trockene Sommer (Wie aus verlässlicher Quelle zu erfahren war, herrscht in der Hölle der Sammler ständig gutes Wetter mit ungünstigem Lichteinfall und Schlagschatten) zwar fundarm geblieben, doch dafür ist mit der dadurch gewonnenen Zeit der ein oder andere Fund im Magazin zu machen.  Die Reinigung von Funden bringt oft erst zu Tage, was man im schmutzigen Zustand oft nur erahnen oder völlig übersehen kann, beispielsweise Lackglanz oder Polituren auf Artefakten, für deren Sichtbarkeit ein gereinigtes Artefakt auch wieder vollständig getrocknet sein muss.
Heute "NEU",
Auf den ersten Blick ein Präparationsabschlag der Grundproduktion...
Dorsalseite. Der Schlagflächenrest bedindet sich rechts auf
der Mitte der marginalen Grobretusche

Ventralseite mit einem großen Bulbus und einem Hertzschen Kegel im Bereich des
Schlagflächenrestes links.
Die Retuschen auf dem breiten Distalende nach ventral, obgleich im 90 Grad Winkel und regelmäßig,
  wirken frischer als die Ventralfläche und sind wohl rezent. 


Auf den zweiten Blick auf das gereinigte Artefakt zeigt sich, dass das Stück aus dem Bereich grobe Unifaces auf dem sehr breiten Proximalende nachträgliche Retuschen aufweist, also modifiziert wurde. 
Die Reinigungsarbeiten im Magazin werden weiter vorangetrieben und auch das kann spannend sein,

Oftmals kommen Werkzeuge aus neolithischen Zusammenhängen, vor allem aus jungneolithischem Kontext, die man als                                “Anachronistic Tools” 

bezeichnen könnte. Es gibt im Jungneolithikum zahlreiche Artefaktformen, wie etwa Spitzen oder faustkeilartige Geräte, die mittelpaläolithisch wirken, aber wie frisch geschlagen erscheinen.  Patina, bzw. die verwitterte Oberfläche des Hornsteins ist  e i n  Indikator für die Datierung von Oberflächenfunden. Letzte Sicherheiten hat man bei unstratifizierten Funden meist nie, allenfalls hohe Wahrscheinlichkeiten.  Sicherer belegen  und wissenschaftlich weiter untermauern ließe sich ein spezieller Fundort, wie etwa ein "hotspot" mit auffällig deutlicher Frequenz von paläolithischen Merkmalen durch entsprechende Grabungen. Da die paläolithischen Zufallsfunde um Sonderbuch, Asch, Wippingen, Bermaringen streuen und verlagert sind, wäre es allerdings nicht unproblematisch, geeignete Flächen dafür fest zu legen. Dass dafür möglichst exakte Einzeleinmessungen die Voraussetzung wären, liegt auf der Hand.

Erste Einschätzungen, welcher Art die Fundstellen sind,  können auch die Artefakte selbst schon aussagen. Handelt es sich nur um Aktivitätszonen im Bereich natürlicher Lagerstätten, also Schlagplätze mit kurzzeitigem Aufenthalt? Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass nur bis überwiegend die "Abfälle" der Grundproduktion vor Ort verblieben sind, also modifizierte oder gar Gebrauchsspuren vorweisende Artefakte eher ausfallen, eingetragene, fremde Rohmaterialien dagegen werden eher auf längerfristigen Lagerplätzen zu erwarten sein. So weisen die Fundstellen alle auch erkennbare, kleinere, sich oft wie ein Schleier über die Äcker legende Hinweise auf Lagerstätten auf, teilweise mit deutlich erkennbaren menschlichen Eingriffen in Form von eindeutigenen Kernen, Kerntrümmern, Präparationsabschlägen und auf Brauchbarkeit angetestetem Material. Ein besonderes Augenmerk gilt deshalb diesen primären Residuallagerstätten, bei denen sich wohl nicht in jedem Fall ein größerer bergmännischer Abbau gelohnt haben dürfte, wie es im Borgerhau der Fall war.  Hier sind im Gegensatz zum Borgerhau, einer Sekundärlagerstätte,  dünne, Hornstein führende Schichten aus den Felsen im Untergrund ausgewittert, fast nicht verlagert, und Oberflächen nah zu finden oder - spätestens seit der Erfindung des Pfluges - an die Oberfläche gelangt. Auch der Frost lässt Steine an die Oberfläche wandern. Da die Pflugschicht besonders in diesen Bereichen sehr wenig Mächtigkeit aufweist, und der Pflug an diesen Stellen naturgemäß nicht weit eindringen kann ohne auf den anstehenden Fels zu stoßen, dürften besonders hier kaum intakte, alte Oberflächen an zu treffen sein. Oft wurden aus dem Grund eingeschränkter Bearbeitungsmöglichkeit mit Landmaschinen oder einfach Mangels Humus auf solchen Bereichen Wiesen oder Wald angelegt. Dies ist vor allem um Seißen der Fall, ein Gebiet von dem kaum urgeschichtliche Funde bekannt sind, obgleich es oberhalb der berühmten Brillenhöhle liegt und ein potentielles Jagdgebiet dargestellt haben dürfte. Es wurde für Erkenntnisse aus Prospektionen einfach zu wenig UMGEPFLÜGT. Ein weiterer Punkt ist, dass die meisten älteren Artefakte aus dem Kontext neolithischer Siedlungen stammen, wo also die intrusiven Prozesse der neolithischen Siedlungstätigkeit (Hausbau, Gruben) die älteren Laufhorizonte, so sie noch vorhanden waren, störten und zerstörten und letztlich wohl alle älteren Artefakte zwischen den neolithischen Hinterlassenschaften streuen. Dazu dürfen auch alle geologischen Prozesse nicht vergessen werden, die nicht nur die obersten Horizonte, also die Deckschicht massiv in Bewegung halten und ursprüngliche Befunde verändern. (Stichwort Kolluvium). 

Montag, 16. November 2015

564. Post. 2015- Das archäologische Jahr in Sonderbuch...

...war auch und vor allem das Jahr des "hohen Besuchs"...

...und teilweise waren die Besuche mit wichtigen Ereignissen verbunden. Allen Besuchen voran ist zu nennen der Besuch von -Prof. Dr. Harald Floss... (u.a. Herausgeber von Steinartefakte, vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübingen 2012, Floss ist  "Prähistoriker an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Zu seinen Spezialgebieten zählen paläolithische Steinartefakte, die Rohstoffversorgung in der Steinzeit, die Entwicklung menschlicher Technologie sowie die Eiszeitkunst" - aus dem Klappentext von "Steinartefakte")

Doch zunächst der Reihe nach.
Zu Beginn des Jahres besuchte mich der durch die Umstrukturierung der Denkmalpflege scheidende Referatsleiter in Tübingen. - Dr. Friedrich Klein.  Er konnte sich ein Bild vom derzeitigen Stand der Sammlung machen. Wie in verschiedenen Posts in der Vergangenheit schon ausgeführt, hat sich in der Vorgehensweise zur Aufnahme von Oberflächenfunden Einiges geändert, was vor Allem dazu führt, dass Funde jetzt und in Zukunft nicht mehr größere Fundmassen zeitigen. Die Einzelfundeinmessung macht es möglich, auch einzelne Funde auf zu nehmen, also zu selektieren, ohne den Gesamtzusammenhang zu zerstören. Ein Argument pro Absammlungen ist es, dass die Objekte im Pflughorizont der endgültigen Zerstörung aus gesetzt sind, wie eine Blattspitze (-damit ein recht sicherer Beleg für die Anwesenheit des Neanderthalers) eindrücklich zeigt. Sie erscheint nach tausenden von Jahren sicherer Erdlagerung durch den Pflug oder eine andere Landmaschine frisch beschädigt.
Grund des Besuchs war jedoch eigentlich, mich von der Entscheidung zu benachrichtigen, zukünftig "im Auftrag des Landes durch die Fluren zu streifen."
Der Briefträger überbrachte den Ausweis des Landesamtes für Denkmalpflege für die Ehrenamtliche Beauftragung ( Blaubeuren, Blaustein und Teilorte) kurze Zeit später.
Fragment einer Blattspitze aus Sonderbuch
Der Schaden ist rezent (ausgepflügt...)

Der Besuch von Professor Dr. Harald Floss erfolgte nach verschiedenen Email- Kontakten bereits im Dezember 2014 - im Hinblick auf eine Bachelorarbeit von Benjamin Schürch. Damit münden auch Sinn und Zweck des blogs als Bemühung von Aufmerksamkeit für die Oberflächenfunde in einer breiteren Öffentlichkeit und deren Einbeziehung in wissenschaftliche Beachtung und Auswertung. Der Rückgang der Posts steht in diesem Zusammenhang, da der wesentliche Sinn damit erfüllt ist. Die Aufmerksamkeit der Wissenschaft und ausgebildeten Archäologen ist geweckt und zumindest die -vermutlich- paläolithischen Funde fließen nunmehr in wissenschaftliche Arbeiten ein. Einige Oberflächenfunde, die bereits früher schon einmal freundlicher weise von Prof Müller Beck und Prof. Conard einer ersten, oberflächlichen Einschätzung und nun genaueren Untersuchungen unterzogen werden konnten und einige weitere finden nun Beachtung  im Rahmen der Bachelorarbeit von Schürch mit dem Titel:

Paläolithische Oberflächenfunde der Blaubeurer Alb.


Die Arbeit Schürchs befasst sich mit Funden aus mehreren Jahrzehnten aus den Sammlungen H. Mollenkopf, M.Ulmer, P. Blankenstein, U.Linse, aus der survey Fisher,Harris, Knipper et.al. und R.Bollow aus den Fundstellen von Wippingen, Sonderbuch, Asch, Bermaringen und Berghülen. Vorgestellt werden unter anderen ca. 30 vermutlich paläolithische Artefakte. In den Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte- GfU- soll im nächsten Jahr ein Artikel darüber erscheinen. Aus diesem und anderen Gründen soll an dieser Stelle nicht näher darauf ein gegangen werden.
Benjamin Schürch wird seine Arbeit auf der Blaubeurer Alb im weiteren Studiengang voraussichtlich fort setzen und ein neuerlicher, weiterer Besuch und Konsultation der Sonderbucher Sammlung ist erfolgt, weitere sind in Planung. Es steht für mich völlig außer Zweifel, dass sich in den bisherigen Absammlungen in meiner Sammlung weitere, paläolithische Artefakte verstecken bzw. befinden. Aus den Sammlungen Asch Brennerhäule/Mairinger, sowie Wippingen/Höfermahd und Müllerfeld vor allem, aber auch von Sonderbuch Grund sind aus anderen/älteren Sammlungen solche Artefakte identifiziert worden. Bei mehreren Zehntausend Artefakten etwa von der Siedlung Sonderbuch Grund sind sie auch in der Sonderbucher Sammlung sehr wahrscheinlich vertreten aber noch nicht identifiziert. Sie von jüngeren Artefakten zweifelsfrei zu unterscheiden ist für einen Laien nicht ganz einfach und es ist einfach nur schön, dass sich hier ein äußerst konstruktives Miteinander zwischen Sammler und Wissenschaft entwickeln konnte. Von den genannten Laien-Sammlern lebt außer mir offensichtlich nur noch Herr Professor Linse.
Radiolaritartefakte aus Sonderbuch
Mehr als nur Einzelfunde..., auf  denen  der Hauptfokus keinesfalls liegen sollte. Wenn in und um die Höhlen des Aachtales die ersten Kunstwerke der Menschheit entstanden sein sollen, dann fragt man sich, wo dies außerhalb der Höhlen (noch) stattgefunden haben könnte und was zeitlich davor war und wie es dazu kam...Es geht um einen gesamten Lebensraum, den sich die ersten Menschen da erschlossen haben, um Lagerplätze und kleine Jagdstationen und sonstige Aktivitätszonen, von denen die Höhlen sicher nur einen kleinen Teil ausmachten, jedoch die besten Erhaltungsbedingungen bieten und ohne sie wüssten wir sehr viel weniger über diese Zeit. 
Radiolaritartefakt aus Sonderbuch

Besonders erfreut war ich diesen Sommer auch über den Besuch von Prof. Lynn Fisher, Dr. Corina Knipper und Dr. Rainer Schreg - letzterer vor allem bekannt durch sein archäologisch wissenschaftliches blog ARCHAEOLOGIK. Auf die wissenschaftlichen Arbeiten in und um den Borgerhau, z.B. auch die Grabungen auf dem Sonderbucher Schlaghau und der stichbandkeramischen Siedlung Grund,  wurde hier an vielen Stellen bereits mehrfach hingewiesen. Meine besten Grüße an dieser Stelle an alle!

Last not least kam Mitte/ Ende des Jahres schließlich eine intensive Zusammenarbeit mit Dr. Doris Schmid zustande, die als neue Gebietsreferentin u.a. für den Alb-Donau- Kreis zuständig ist und zu deren Zuständigkeit für Sonderbuch und Umgebung auch mein Arbeitsfeld im Rahmen des Ehrenamtlichen Auftrages gehört. Da wir uns seit über 50 Jahren kennen, schließt sich auch wieder ein sehr privater, persönlicher Kreis. Frau Dr. Schmid obliegt auch die Zuständigkeit im Bereich Sondenprospektion. Eine erste Prospektion konnte in Bollingen auf einem überplanten Areal von mir durchgeführt werden. Die notwendigen Voraussetzungen für Einsätze der Metallsonde zur Erfassung von archäologischen Hinterlassenschaften, konnte ich bei einer letzten Schulung im April dieses Jahres erwerben. Naturgemäß können aus meiner Sicht Metallsondenprospektionen nur eine Ergänzung der herkömmlichen, klassischen  Prospektionen/ survey's darstellen und werden bei Geländeerkundungen lediglich auf überplanten Flächen eher die Ausnahme bleiben. Vor allem auch aus Rücksicht auf die Rechte an solchen Funden (Publikation) werden derlei Funde hier nicht vorgestellt. Sagen wir mal getreu dem Motto: Weiter nur UMGEPFLÜGT, nicht aufgespürt und ausgegraben.

Nach den Wissenschaftlichen Arbeiten von Fisher, Knipper, Harris, Schreg et.al. die sich vor allem mit den dominierenden neolithischen Hinterlassenschaften befassen, ist mit dem Interesse der Universität, dem Interesse von Prof. Dr. Floss und der Bachelorarbeit von B. Schürch ein entscheidender und wichtiger Schritt in der Erforschung der paläoilthischen Freilandfundstellen erfolgt, der weiter ausgebaut werden muss. Wer sich für die Funde und den Forschungsstand hier interessiert, dem sei die Mitgliedschaft in der GfU empfohlen. Prof. Floss und Schürch werden den Stand der Dinge im nächsten Jahr in deren Mitteilungen in einem Aufsatz vorstellen.  Mitglieder erhalten "die Mitteilungen" automatisch und kostenlos. Auch aus diesem Grunde soll hier den Ergebnissen nicht vor gegriffen werden. Wenn die Mitteilungen online verfügbar sind, wird hier ein entsprechender link gesetzt.

mgfuopenaccess.org

(http://www.geo.uni-tuebingen.de/en/work-groups/prehistory-archaeological-sciences/early-prehistory-and-quaternary-ecology/publications/gfu-mitteilungen.html)
Flächenbearbeiteter Schaber mit Schneidenschlägen, Mittelpaläolithikum

Im Moment erleben wir auf der Alb den neunten von völlig niederschlagsfreien bis sehr niederschlagsarmen Monaten in Folge. Die Oberflächenfunde hielten sich dieses Jahr deshalb sehr in Grenzen, zumal verschiedene Baustellen und geplante Baustellen mein Zeitkontingent verbrauchten. Der ehrenamtliche Auftrag brachte es außerdem mit sich, mir sämtliche bisher bekannten archäologischen Fundstellen der Gemarkungen Blaubeuren und Blaustein vertraut zu machen, die mir natürlich bislang nicht alle bekannt waren, schon allein deshalb, weil nicht alle Fundstellen in die Denkmalliste eingetragen sind.  Und: Die wichtigsten Entdeckungen finden derzeit in den Magazinen und bei Auswertungen in Tübingen statt. 



Radiolaritabschlag  mit Retusche, Sonderbuch


Radiolaritartefakte des Neandertalers waren auch
schon im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren
zu sehen - aus Grabungen des letzten Jahrhunderts.
Jetzt öffnet sich die Welt des Neandertalers über die
ersten Freilandfundplätze neu.

Edit.:
http://www.geo.uni-tuebingen.de/fileadmin/website/arbeitsbereich/ufg/urgeschichte_quartaeroekologie/medien/MGFU%20Webversion/07_Floss%20und%20Sch%C3%BCrch.pdf


Mittwoch, 14. Oktober 2015

563. Alles was ein Pfeil braucht...

ist eine funktionierende Pfeilspitze...

die über die Jahrtausende bis heute ihr Gesicht oft und stark verändert hat. Grundsätzlich gilt vielleicht für alle, dass sie als Bewehrung des Pfeilschaftes beim Auftreffen der kinetischen Energie dafür zu sorgen hat und hatte, dass sie die Oberfläche des  Ziels öffnen und möglichst weit in das Ziel eindringen sollte. Ob durch eine besonders kunstvolle und ästhetische Erscheinung selbst ist sicherlich nachrangig und obgleich Pfeilspitzen gegen Ende der Steinzeit, wohl häufig als Konkurrenz zu Metallspitzen als wahre Kunstwerke erscheinen, bis hin zu Statussymbolen sein könnten, ist die Funktionalität entscheidend. 

Vermutlich eine LBK - Pfeilspitze: Ventralseite eines Rindenabschlages mit starken Wallnerlinien
Wie es sich gehört, bildet das Proximalende der Grundform die Spitze
 Obwohl in der LBK die Pfeilspitzen schon sehr normiert erscheinen, sind sie in der Ausführung meist einfach, oft nur grob Kanten retuschiert und erscheinen pragmatisch/ reduziert zweckrational. Sehr oft wird der Basis, der man später der Schäftung wegen sehr viel größere Aufmerksamkeit widmet, keine besondere Ausprägung verliehen. So wirken Pfeilbewehrungen der Linienbandkeramik nicht selten als "nicht ganz vollendet". Dreiecksspitzen  sind ein einschlägiger Typus, gehen nach dem frühen Neolithikum, wenn man so will, nie wieder so ausgeprägt in die Richtung von "Unikaten", was streng genommen natürlich für jedes Artefakt gelten kann. Gemein sind sich alle per Definition nur als Typus.  Im übrigen sei an dieser Stelle noch einmal gesagt, dass Pfeilspitzen kaum als sichere Leitfossilien" für Zeithorizonte taugen. Eine absolute Chronologie ergibt sich nur aus der jeweils sicheren Stratigraphie und keinesfalls über Oberflächenfunde oder theoretisch. 

Eine neu gefundene Pfeilspitze aus einer linienbandkeramischen Siedlung in Sonderbuch:

LBK- Pfeilspitze, Dorsalseite mit großflächigem Kortexrest.
Der Basis wurde wenig Beachtung geschenkt.

Die "Spitze" nährt, ebenso wie die Basis die Vermutung, es könnte sich um ein Halbfabrikat handeln....
aber auch Pfeilschneiden haben keine kleinere Wirkung, aber
eine sehr viel größere Aufprall"fläche". Das passt schon.


Das "wertvollere" und vor Ort bei Verlust nicht so schnell nach zu fertigen, war sicherlich der hölzerne Pfeilschaft, ganz zu schweigen vom Bogen, dem wertvollsten Teil der Fernwaffe. Eine Spitze war mit geeignetem Material dagegen sehr viel schneller her zu stellen. So hatte der berühmte Gletschermann Ötzi auch einige Pfeilschäfte ohne Bewehrung im Köcher. Ein einziger Schuss konnte die Pfeilbewehrung kosten, nicht aber unbedingt den Pfeilschaft. Man geht allgemein meist davon aus, der Mörder von Ötzi hätte bei seinem Opfer diesen aus dem Körper gezogen, weil er als Täter vielleicht daran zu identifizieren gewesen sein könnte. Ich denke, der Grund könnte auch sehr viel einfacher der gewesen sein, den persönlichen Verlust durch diese Tat, eben um den mühsam hergestellten Pfeilschaft, zu schmälern.
Das Gewicht des Projektils im Verhältnis zum Schaft ist aus ballistischen Gründen wohl sehr viel entscheidender als Form und Ausführung.
Aus Grabfunden wissen wir, dass sehr viel reduziertere, uneindeutigere Formen Verwendung fanden und ohne diesen Zusammenhang im Befund zum Beispiel als Oberflächenfunde wohl niemals als solche erkannt worden wären. 

Samstag, 22. August 2015

562. Post. Ein neuer Feuerschlagstein aus Sonderbuch

Aus einem Bereich einer älter neolithischen Siedlung, zugleich aber auch aus dem Kontext eisenzeitlicher Großgrabhügel kommt ein neuer Feuerschlagstein...

als Fundbeleg für die Nutzung des Feuers über die Jahrtausende. Er muss über einen längeren Zeitraum benutzt worden und könnte vielleicht auch von seinem Besitzer mitgeführt worden sein. Er könnte ein ähnlich treuer Begleiter gewesen sein, wie etwa heute ein Taschenmesser. Unweigerlich drängt sich hier so etwas wie ein Beutel oder so etwas wie eine "Hosentasche" auf. 


Feuerschlagstein aus Klingengrundform, hier die Dorsalseite.
Man beachte auch die stark verwitterte Oberfläche

Sowohl das Proximal, als auch das Distalende zeigen die typischen
Verrundungen, die Feuerschlagsteine aufweisen.

Die Ventralseiten zeigen durch den Gebrauch entstanden oft
eine ausgeprägte Politur, bzw. Glanz

Verrundetes Proximalende, aber auch die Lateralen
sind betroffen.

Das Distalende.
Während die Funkenspender wie das Material, das die Funken zum Glühen bringen musste meist völlig vergangen sind, erweisen sich die Schlagsteine wie alle lithischen Werkzeuge als resistent und zählen neben diagnostisch gezielt angelegten Feuerstellen  zu den wenigen Zeugen für den kontrollierten Gebrauch von Feuer, einem der Meilensteine auf dem Wege zur Menschwerdung...

Samstag, 15. August 2015

561. Post. Eisenzeitliche und steinzeitliche Relikte in einer Baustelle auf der Ulmer Alb...

Baustellenbeobachtungen machen einen Großteil ehrenamtlicher Denkmalpflege aus...

und so ist es einmal mehr der Fall, dass Belege für eine im Vorab grob als eisenzeitlich ein zu schätzende Siedlungsstelle in Rahmen einer Erschließungsmaßnahme für ein neues Baugebiet in meinem Beobachtungsgebiet zu Tage kamen. Kanäle und Straßen sind schon fertig...
Es ist angerichtet: Bauplätze, bereit zur Bebauung
Jahrhunderte nur UMGEPFLÜGT, bald überbaut...

Vielleicht die letzte Impression einer langen Siedlungs- Geschichte:
In einer rezenten Planierschicht: Eisenzeitliche Keramik, zerbrochen,
doch noch im Verbund
Die Scherben weisen teilweise typische Merkmale (Gefäßform,
Machart, Randstücke, Verzierungen)  auf,
sodass eine Datierung leicht möglich sein wird.
Die Funde liegen bereits der Denkmalpflege vor.

Nur in den noch ungestörten Flächen sind noch Untersuchungen möglich.
Neben den Kanalgräben durchzieht auch ein tiefer Entwässerungsgraben
die eisenzeitliche Siedlung.
Kein schönes Thema ist die schleichende Zerstörung durch zunehmenden Flächenverbrauch wenn die Mittel für eine Untersuchung fehlen (oder im gesamten Planungswust, der sich über Jahrzehnte hinziehen kann, auch schon mal ein Denkmal übersehen wird) . Unweit davon liegen die Grabungsflächen der neuen ICE-Trasse über die Ulmer Alb, für die durch das Verursacherprinzip Geld für die Archäologische Untersuchung zur Verfügung stand. Bei kleineren Baumaßnahmen wie dem privaten Wohnungsbau kommt das Verursacherprinzip fatalerweise nicht, oder nur selten zum tragen und wenn die Mittel der Denkmalpflege erschöpft sind, bleibt meist nur übrig, Flächen auf zu geben, auch wenn sie als Denkmale schon lange bekannt und in die Denkmalliste eingetragen sind.
Ausweitungen der Beauftragungen von Ehrenamtlichen Mitarbeitern und ehrenamtlichen Sondengängern, auch wenn das im ersten Moment paradox klingt, werden diese Problematik weiter verschärfen: Ein mehr an Funden, ein Mehr an Fundstellen, ein Mehr an Bodendenkmalen, ...usw. aber kein Mehr an Mitarbeitern und kein Mehr an Kapazitäten für Grabung, Auswertung, wissenschaftliche Bearbeitung, Restaurierung und kein Platz mehr in längst überfüllten Magazinen. ( Quasi Erhaltung ex situ) Ohne wohlüberlegte Selektionsmaßnahmen wachsen die Aufgaben des staatlichen Denkmalschutzes in Dimensionen, die sich nicht mehr bewältigen lassen werden, und es entscheiden die mal mehr, mal weniger leeren Kassen was erhalten oder geborgen werden kann und was nicht und nicht was aus wissenschaftlicher Sicht und Erkenntnis an Erhaltung geboten scheint. Längst kann der Staat alleine seinen staatlichen Aufgaben hier nicht mehr ausreichend nachkommen.
Die Denkmalpflege kann hier  oft nicht langfristig planend arbeiten, sondern nach dem Prinzip der Feuerwehr, die von Brandort zu Brandort eilt, oft genug, wenn alles schon lichterloh brennt und die neue Struktur der Baden Württembergischen Denkmalpflege die mit einer überregionalen Einsatztruppe...

 -(Stichwort PfP, flexible Prospektionen) siehe auch

:http://www.denkmalpflege-bw.de/fileadmin/media/denkmale/projekte/archaeologische_denkmalpflege/flexible_prospektionen/Projekte_Flexible-Prospektionen_Flyer.pdf -

http://www.denkmalpflege-bw.de/denkmale/projekte/archaeologische-denkmalpflege/pilotprojekt-flexible-prospektionen.html

 ...die Ressourcen, insbesondere Personal bündelt, kann aus vielerlei Gründen nicht überall sein und auch nur dann, wenn die Finanzierung steht. Wenn wir langfristig möglichst viele primäre Quellen erhalten und bei drohender Zerstörung archäologisch erfassen wollen, werden mehrere Gleise notwendig sein, die hier gefahren werden müssen. Ehrenamtliche Arbeit ist zwar ein Gleis von vielen, hat hier aus gutem Grunde aber ihre Grenzen. Ein Heer von Sondengängern wird vielleicht mit immer mehr Schulungen in Zukunft immer mehr finden, was sich letztlich nicht erhalten lässt, isolierte Metallfunde ausgenommen. Was wir vor allem brauchen, ist eine breite Sensibilisierung der Öffentlichkeit, damit das lautlose Sterben Stimmen bekommt, die dies an vielen Stellen verhindern helfen.
Somit ist dies nicht als Kritik an der Denkmalpflege zu verstehen, sondern als kritischer Appell an die Gesellschaft, die eines Tages auch daran gemessen werden wird, wie sie mit dem kulturellen Erbe in der Ackerscholle umgegangen ist. Ein Zustand in einem Land, das immer noch zu einem der wohlhabendsten zählt und keine Beobachtung aus einem Kriegsgebiet. Denkmalpflege muss mehr sein, als Mängelverwaltung. Folgt nach dem ständigen Modifizieren der Aufgabenerfüllung Denkmalschutz irgendwann die Modifizierung der Aufgaben selbst? Viele relativ neue Gesetzgebungen sprechen dafür, dass sich die Länder mehr und mehr aus dieser kostenintensiven, hoheitlichen Aufgabe zu stehlen versuchen. Alle Gesetze fühlen sich internationalen Übereinkünften verpflichtet und sind überzeugt sie 1:1 um zu setzen und könnten doch unterschiedlicher nicht sein.

Neben Scherben zeigen auch wenige Hornsteinartefakte eine neolithische oder vielleicht mesolithische Komponente an.
von links: Abschlag, der einen bipolaren Abbau belegt,
lateral retuschierte Klinge, Mikrolith und
oben:opportunistisch abgebauter Kern

Edit: 28.08.2015. Nach Reinigung und Durchsicht scheint es sich um Keramik der ausgehenden Bronzezeit/ Urnenfelderzeit und Hallstattzeit zu handeln. Dazu kommen die neolithischen Artefakte. Hier handelt es sich also um mehrere Siedlungen, bzw. eine sehr lange Abfolge von Siedlungen und deren regionale Ausprägungen und Kontexte. Eine archäologische Begleitung der Baumaßnahmen konnte nicht statt finden. 

siehe auch: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.geschichte-denkmalschutz-im-dilemma.883fde27-4266-40a7-b03c-0e0e039120c6.html

Welcome visistors from Namibia! Besucher meines blogs aus Namibia ein herzliches Willkommen! 

Donnerstag, 23. Juli 2015

560.Post. Kreiselegge & Co. wieder auf crash-Kurs...

Nach einer langen Hitzewelle und einem Sommer der Rekorde bricht, sind die ersten Felder umgebrochen und teilweise mit einer Folgesaat bestellt.

nach eins

kommt zwei

...kommt drei..
Quetscholith und Wegwerfsit in bedrückend frischer Fundlage:
Ergebnisse der Kreiselegge zum Saisonauftakt.
Erste, unbeschädigte Funde:.....
Klingenkernfragment auf gemischt neolithischer
Fundstelle mit LBK-Schwerpunkt

559. Post. In der SOMMERPAUSE werden auch alte Dachböden umgepflügt...

Vergessene Schätze in Schuppen und auf Dachböden der Blaubeurer Alb...

...Wären es wert, ausgegraben zu werden...Heimtathirsche auf Indoor-Abwegen...
Hochzeitstruhe 1822...
ein Plätzchen im Heimatmuseum wäre nicht verkehrt...


Hier kann man studieren, welche Metallteile zu einem Kummet gehören..
denn das ein- oder andere ging auch mal verloren und liegt oft
auf den Oberflächen der Felder.

Lange ausgedient....

Brotschrank und Bügeleisen werden nicht mehr gebraucht...

Damit fährt keiner mehr...darauf sitzt keiner mehr...

Die Apotheke hat schon seit längerem geschlossen...
Schon ist die Ernte in vollem Gange und der nächste Post kann wieder von steinzeitlichen Funden berichten...
Ist dem Bauern nichts zu teuer, prägt die Werkstatt Biedermeier...