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Freitag, 28. Juni 2013

467. Post. Kleine Kerne...Inventar in direkter Nachbarschaft zur Rohmaterialquelle

Sind die Ressourcen üppig, ist der Umgang mit dem Rohmaterial entsprechend großzügig...liegt die Siedlung weiter von der Rohmaterialquelle entfernt, wurde auch sorgsamer damit um gegangen, bzw. die Kerne vollständig aus genutzt...

so heißt ein Grundsatz, der sich in den Statistiken ( Vergleich des Gewichts der Restkerne) bestätigt und entsprechend nieder schlägt.
Sucht man einen Grund dafür, warum Kerne in direkter Nachbarschaft zu einer Rohmaterialquelle bis auf eine Größe von 2-3cm ab gebaut wurden, gibt es dafür mehrere denkbare  Erklärungen. Entweder war zu dieser Zeit die Rohmaterialquelle in Vergessenheit geraten, das Material damit knapp, oder aber die Zielabschläge waren in dieser Größe von Bedeutung, etwa für Schneiden für Kompositgeräte oder Kleinstbohrer. Damit bewegen wir uns also einmal in einer Art "Zwangslage", zum anderen eventuell in verschiedenen Zeithorizonten, denn im Mesolithikum beispielsweise spielen kleine Geräte in Kompositform eine große Rolle. 

Im Folgenden Kerne aus der den Pingen vom BORGERHAU am nächsten gelegenen Siedlung, die typisches Siedlungsinventar des Neolithiums zeigt. Auch die Klingenkerne sind typisch für eine Klingenindustrie. Was bewegt sind die Ausreißer aus der zu erwartenden Typologie und die vielleicht auch andere Zeithorizonte belegen. 


Kleinstkern 

Abschläge oder Modifikation?

Abschläge oder Modifikation?

oben und unten, Kleinkern mit zwei Schlagflächen. 




Kleine Klingen und Abschläge spielten wohl also eine Rolle, gleichwohl finden sich sehr große  Unifaces, Bifaces  und große Klingen auf ein und derselben Siedlung.

Es ist angerichtet...



Grau bis lila- das eher seltener auf zu findende Material...

Kern, Kratzer und Klingen. Lesefunde aus dem Borgerhau  bestätigen die mutmaßliche Herkunft aus den nahen Pingen. 



Keramik gibt es bislang nur sehr wenig von dieser Fundstelle.
Hier wurden noch gezielt Kleinstklingen ab gelöst...( 1-2cm)
Die Grenzen von Retuschierabfällen zu Klingen und Abschlägen fließen...

Die meisten größeren Fundstellen sind deutlich durch neolithische Siedlungen geprägt. doch auch sie weisen unzweifelhafte Komponenten z.T. weitaus älterer Kulturstufen auf. Die Entwicklung der Menschheit hat sich hier mehr oder weniger nachweisbar vollzogen. Was wir versuchen in Kulturen und Kulturgruppen zu gliedern war ein kaum ab zu grenzender Prozess. Die Artefaktmorphologie liefert dazu einen wichtigen, aber letztlich unzureichenden Anhaltspunkt. Während die Zeit der Linienbandkeramik durch das Aufkommen von Landwirtschaft, Tierhaltung, Keramikproduktion geprägt ist und deshalb deutlich erkennbare Produkte hinterließ, die sich von den archaischen Jägerkulturen deutlich unterscheiden, ist die Abgrenzung der lithischen Hinterlassenschaften älterer Zeugnisse nicht ganz einfach. Auch auf der Blaubeurer Alb hat sich dieser Wandel wohl nur allmählich vollzogen und das naive Bild von in Massen einwandernden Bauern aus dem Osten, die die "ansässige", tradierte Kultur ablösten ist sicher falsch. Wie sich der Wandel im Einzelnen vollzogen hat ist über das lithische Inventar der hier vorhandenen Lehmdecken nur bedingt nach vollziehbar, bildet jedoch den einzig greifbaren Anhaltspunkt. Alle organischen Materialien sind längst vergangen, intakte Stratigraphien abgepflügt und verlagert, intakte Schichten gilt es zu finden- kein Zeitgenosse berichtet uns und allein das Bodenarchiv kann Auskunft geben, dessen Sprache wir studieren müssen. Ein Schlüssel, für den der Schutz die höchste Priorität genießen muss, damit die Aussagen noch lange konserviert bleiben, weil wir immer besser verstehen diese Sprache zu lesen. 
Schon Gustav Riek, der Erforscher der Blaubeurer Brillenhöhle schrieb 1969 (- Das Paläolithikum der Brillenhöhle bei Blaubeuren/Schwäbische Alb)(Zit.)..."Die Brillenhöhle fällt in einen Bereich der Schwäbischen Alb, der während des Paläolithikums als stärker besiedelt zu bewerten ist. So sind zu erwähnen: der Hohlefels in Hütten, die Schmiechener Grotte, der Kogelstein in Schmiechen, der Hohlefels bei Schelklingen, der Ganserfels bei Schelklingen, der Sirgenstein im Aachtal, das Geißenklösterle bei Weiler und die Große Grotte bei Blaubeuren. Unverkennbar lockten die Gewässer der Schmiech, Ach und Blau das Tier und dessen Jäger in den Raum der Blaubeurer Alb. Auch die Moorbildungen im Schmiech - und Blautal, Erscheinungen ungleichartiger Aufschotterungen, mögen örtlich schon als Suhlbezirke spätpleistozänen Großwildes eine Rolle gespielt haben. Die Hauptversumpfung des Blautales setzte jedoch erst in der Nacheiszeit ein, wie aus dem bis zu 10 m mächtigen Schlamm- und Torfablagerungen hervorgeht. In welchem Ausmaße die Paläolithiker auch auf den Höhen der Flächenalb der Jagd auf bestimmte Tiere oblagen, können wir mangels Streufunden noch nicht sagen. Zuvor müßten die Vorkommen von Lehmdecken mit Lößanteilen sorgfältig durchforscht werden, insbesondere in der Umgebung von Seißen und Sonderbuch....
...Bei Berücksichtigung der Höhenlagen der Blaubeurer Alb und der sie durchschneidenden Täler sind ohne Zweifel gewisse Einblicke in die ehemals im Pleistozän hier bestehenden klimatischen Verhältnisse während der Würmeiszeit möglich...man kann schließen, dass zur Würmeiszeit die absoluten Niederschlagsmengen erheblich kleiner waren. Schon Keßler und Klute haben darauf hingewiesen, dass im Pleistozän, insbesondere die sommerlichen Niederschläge geringfügig gewesen sein müssten. Vermutlich ist auch aus diesen Gründen die Schwäbische Alb von den paläolithischen Jägerscharen stark begangen worden...." (Zit.Ende)
Bei fast allen Fundstellen fällt auf, dass die Artefakte unmöglich ausschließlich aus einem eng begrenzten Zeitraum stammen können. Auf den Oberflächen erscheinen die Artefakte jedoch ohne jeden weiteren Kontext und sind letztlich nur durch das sorgsame Einmessen zu assoziieren. Der Prozess der landwirtschaftlichen Nutzung lässt sich nicht aufhalten und setzt zudem die Zerstörung der Artefakte selbst durch Kantenbestoßung und Zerschlagung fort. Durch die Pingen vor Ort, im Kontext mit den umliegenden Siedlungen, den Höhlen im Tal,  kommt der Kulturlandschaft Blaubeurer Alb eine große Bedeutung zu. Hier liegt noch Forschungspotential für viele Generationen. Die Hinterlassenschaften der Altsteinzeit und die der  Mittelsteinzeit (Mesolithikum) die den Siedlungen der ersten Bauern vorausgingen sind sehr wahrscheinlich auf den Ackerflächen der Blaubeurer Alb erhalten und nachweisbar. Man muss sie nur finden.
Es muss nicht alles neolithisch sein, was auf den Oberflächen der Blaubeurer Alb im Regen glänzt....

Eine Auswahl kleiner, teilweise getemperter Kerne um Sonderbuch. Das Tempern war eine Spezialtität des Frühmesolithikums (Beuronien)

Mutmaßliche, teils  getemperte,  mesolithische Kerne aus Sonderbuch

oben links ein bipolarer Kern - mit zwei gegenüber liegenden Schlagflächen und kleinsten Ablösungen. Rechts davon ein Kleinstkern mit zwei Schlagflächen die quer zueinander angelegt sind/waren. Bei diesen Kleinformen sind die Grenzen von Modifikation/ Retusche/retuschierte Werkzeuge zu Restkernen, also Kerne die sich im Abbauprozess befinden, schwer zu bestimmen.
Durch des intentionelle Erhitzen (Tempern)  des Rohmaterials wurden dessen Schlageigenschaften verbessert. 

Ob 1 kg oder nur wenige Gramm- artefaktmorphologisch dasselbe: Kerne...

Dienstag, 25. Juni 2013

466. Post. "Neue Fundstelle" bei Asch entdeckt.

Der derzeitige intensive Maisanbau, der vor allem auf die Fütterung der Biogasanlagen ausgerichtet ist, erlaubt es, großflächig die Peripherie der schon bekannten Fundstellen auf  geschichtliche Hinweise zu prospektieren.

Eine Fundstelle ist um eine Erkenntnis in der Ausdehnung der Siedlungsfläche bzw. eine periphere Aktivitätszone reicher, die in der Nähe von Asch liegt. Möglicherweise handelt es sich primär um eine kleine Lagerstätte, die sich vor allem durch zahlreiche, von Landmaschinen geschredderte Hornsteinfragmente zu erkennen gibt. Dazwischen liegen um einen bislang zentral eingemessenen und gemeldeten Fundpunkt einige klare, artifiziell veränderte Rohmaterialknollen, die den Abbau, vielleicht an Ort und Stelle bezeugen. Die Kerne zeigen Angelbrüche und wurden deshalb wohl an Ort und Stelle verworfen und dort belassen. Die Ausdehnung des im Moment noch kleinen Fundpunktes muss eruiert werden. 

Die neuen Funde:
Deutlich sind die Negative der gelösten Klingen zu erkennen, typische Kerne des Neolithikums. Sie tragen nur wenig Spuren vom Kontakt mit den Eisengeräten des Landwirtes, liegen vielleicht deshalb noch nicht lange im Pflughorizont bzw. an der Oberfläche.  
3 grobe Kernkantenklingen

Samstag, 22. Juni 2013

465. Radiolarit-Kern aus neolithischem Kontext.

Aus neolithischem Kontext / Erbach-Ringingen, Flur Sätzenäcker stammt ein Kern aus Radiolarit, der erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Rohmaterial eines mittelpaläolithischen Schabers aus Sonderbuch zeigt.

Aus einem vermutlich jungneolithischen Zusammenhang ( eindeutig datierbare Axt) der in Sichtnähe zu der bereits archäologisch untersuchten Siedlung Erbach-Ringingen/Heiden und Salach sich befindet, fand sich ein Restkern aus Radiolarit.- Ein aus neolithischen Zusammenhängen seltenes Rohmaterial. 

In mittelpaläolithischen Zusammenhängen bestehen die qualitätvolleren Artefakte oft aus diesem Material, obwohl es sehr schwer zu schlagen ist. Quarzadern machen es nahezu "unberechenbar" und erfordert die hohe Kunst ausgereifter Schlagtechnik. Dennoch wurde das Material im Gravettien der Alb sehr gerne verwendet.

Der neue Kern, rechts die abgerollte Außenseite des Rohmaterials, das das Rohstück als Geröll ausweist.

stecken gebliebene Abschläge: Die Schlagfläche.

Wenige Schlagbahnen sind in Gänze geglückt.


Die aufgegebene Schlagfläche mit zahlreichen stecken gebliebenen Schlagbahnen



links ein mittelpaläolithischer Schaber (Identifiziert von Prof.Müller-Beck) rechts der neue Kern.


links Mittelpaläolithikum mit der modifizierten Lateralkante, rechts die hindges des neuen Kernes. Während die Abtrennungen des Kernes sehr willkürlich erscheinen, zeigt sich die Modifikation des Schabers - im Bild nicht so gut erkennbar sehr regelhaft.


Freitag, 21. Juni 2013

464. Post. Die kleinste Pfeilspitze aller Zeiten...

Ein neolithisches Meisterstück

Ein schlagender Beweis dafür, dass man der "Mikrodebitage" (...es könnte sich auch ein modifiziertes Kleinartefakt darunter befinden) bei gut ab geregneten Feldern wie sie sich derzeit präsentieren ein besonderes Augenmerk widmen sollte und gleichzeitig ein Beweis dafür, dass die Prospektion der Grabung in manchen Dingen überlegen sein kann. 

Gerade mal so lang wie der Durchmesser eines 2cent-Stückes ist die neueste Pfeilspitze einer Siedlung mit bandkeramischen, mittelneolithischen, jungneolithischen und mittelpaläolithischen Komponenten. 

12mm kurz - 8,4 mm schmal -  und 0,4g leicht

Spielerei oder Gebrauchsprojektil? Der stichelartige Abspliss der Spitze ist womöglich ein Aufprallschaden...


Größenvergleich mit einer normal großen Pfeilspitze des Jungenolithikums.

Ein außerordentlicher Beleg, vermutlich des Jungneolithikums, das hier durch normal große Pfeilspitzen schon mehrfach nach gewiesen werden konnte ( Asch/Mairinger) Auch in der Perfektion lieferte die Fundstelle schon herausragende Belege. Diese Spitze jedoch schlägt alle Rekorde was die Größe anbelangt. Es ist kaum vorstellbar, dass sie auch eine praktische Bestimmung gehabt haben kann, dennoch hat das flächig, bifazial bearbeitete Projektil eine konkave Basis, wie sie für eine Schäftung von praktischem Nutzen war. Um ihre ganze Schönheit zu begreifen, muss man sie unter das Binokular legen und man fragt sich, ob Lupen schon in der Jungsteinzeit bekannt waren, weil sie ja schließlich mit bloßem Auge in diese perfekte Form gebracht wurde. Vermutlich hatte sie die Bekanntschaft mit einem Kupferstift gemacht und der Erzeuger dürfte schon ein Zeitgenosse von Ötzi gewesen sein. ( Das Gerät wurde gedrückt, nicht geschlagen) Artefakte dieser Größe fallen bei Grabungen sicher kaum auf und nur das Schlämmen des Aushubs  kann derart kleinstückige Silices zeitigen. Eine Vorgehensweise, die den paläolithischen Fundstellen zuteil wird und solche Stücke in trockenen Sieben kaum auffallen dürften, aber auch dies ist in Deutschland kein Standard. Ich kann die verfeinerten Methoden und meinen Optiker nur weiter empfehlen!
Immer wieder fallen in neolithischen Zusammenhängen sehr kleine Kerne auf, die an ebenso kleine Geräte denken lassen. Wenn so kleine Pfeilspitzen erzeugt wurden, dann sind wohl auch nicht alle kleinen Abschläge nur Retuschierabfälle?

Größenvarianten von Pfeilspitzen mit konkaver Basis. oben die neue Spitze, daneben ein vergleichsweise kleiner Bohrer, bei dem es auch schwer fällt an eine praktische Funktion zu denken. 

Montag, 17. Juni 2013

463. Post. Außergewöhnlicher Kratzer aus LBK-Kontext.

Eine besondere Form der Präparation der Abbaufläche erfolgt durch das Abnehmen des Kernfußes. 

Der hier vorgestellte Kernfuß stammt von einem schon ziemlich kleinen Kern, doch wie lang die schmale Klinge mit dem Ende des konischen Klingenkernes noch war lässt sich nicht sagen, da  Bulbus und Schlagflächenrest fehlen. Dies hat bei diesem Präparationsabschlag besondere Gründe. Für gewöhnlich ist ein solcher Abschlag zwar ein schöner Beleg für die Schlagtechnik, doch wurde dieser Abschlag als Grundform weiter verwendet und nicht verworfen. Am Proximalende wurde nach dorsal ein kleiner Kratzer modifiziert. Ein bisher einmaliges Stück dieser Art. Die Grundform könnte auch ein unbeabsichtiger "Schlagunfall" gewesen sein. Beim Abbau einer Klingenserie hätte ein falsch gesetzter Schlagwinkel den Fuß auch ungewollt mit weg genommen haben können. 

oben Kernfuß, unten Kratzer



Der Kernfuß bildet sogar ein Widerlager bei einer ziehend kratzenden Tätigkeit...





Die Kratzerkappe 

So muss man sich die ungefähre Lage am Kern vor dem Abschlag vorstellen... 


Samstag, 15. Juni 2013

462. Post. "Schleierhaftes..."- Ein Stichel.

Obwohl der Bereich um Wippingen Höfermahd (Größeres Siedlungsareal mit mittelpaläolithischen (Neandertaler) und gemischt neolithischen -LBK, Mittelneol.- Komponenten unterschiedlicher Siedlungs- und oder Aktivitätszonen)  mit Wintergetreide bewachsen ist, bleibt die Fundverteilung in der Fläche weiter spannend. (Die gemeldeten und der Denkmalpflege übergebenen Keramikfunde des Areals sind bisher ohne Rückmeldung, ergänzen aber wohl um weitere Zeithorizonte) In der Peripherie  ist verschiedentlich Mais an gebaut, der weiterhin Begehungen zu lässt.

So wird immer klarer, dass es im gesamten Bereich Höfermahd ff (in allen Himmelsrichtungen) , einen gewissen "Hornsteinschleier" gibt, der über die gesamte Hochfläche ziehr und der meine Theorie von weiteren, natürlichen Hornsteinvorkommen immer weiter bestätigt. Zum großen Teil ist das Material von eher schlechter Qualität, was aber eine Rohmaterialentnahme für die Werkzeugherstellung nicht generell ausschließt. Möglicherweise sind die Lager auch "erschöpft", das was bis heute zurück blieb sind die verworfenen Rohmaterialien und artifiziell veränderten Kerne. 

In Richtung Nordost fallen dichte Pflaster mit Hornsteintrümmern auf, die weit überwiegend nicht artifiziell verändert, sondern durch die Feldbearbeitung und Frost fragmentiert scheinen. Da die Vorkommen oberflächennah anstehen dürften, wofür auch die Menge an Kalksteinfragmenten spricht, ist es gut möglich, dass diese sporadischen, eher geringen Ressourcen ebenfalls wie die ergiebigen Lagerstätten (z.B. Borgerhau)  für die Herstellung von Werkzeugen genutzt wurden. Sie könne beispielsweise bei der Feldbearbeitung erkannt worden sein, wurden auf gelesen. 
Aus der Peripherie der "Höfermahd-Siedlung" konnte ein neues Artefakt geborgen werden, das ich als Multitool bezeichnen möchte.

Das Distalende trägt eine schöne Kratzerkappe. Die steilen Dorsalretuschen sind mit Gebrauchsretuschen,  überprägt.

Die relativ dicke Klinge (Grundform) zeigt mäßige bis starke Politur, jedoch nicht auf der Kratzerkappe.
Die Lateralkanten tragen Gebrauchsretuschen und rezente Beschädigungen.
Das Werkzeug ist 65mm lang.

Die Ventralseite zeigt Politur, vor allem in der Nähe des Proximalendes. Der Schlagflächenrest ist nicht in Gänze erhalten, da zwei Stichelbahnen (eine auf der Dorsalfläche, eine auf der Ventralfläche) vorhanden sind, die ebenfalls wie  die Ventral- und Dorsalfläche des gesamten Artefakts Politur aufweisen, also (trotz deutlicher Rostspuren vom Kontakt mit Pflug&Co) nicht rezent sein können.
Eine Stichelbahn teilt den Bulbus mittig.

Der Schlagflächenrest / Stichelende zeigt Gebrauchsspuren, Es ist ein zweites Funktionsende. Welcher Art der  Funktion muss ich offen lassen.  Somit ist die Zurichtung für eine Schäftung aus geschlossen. Unten Mitte die Stichelbahn der Dorsalfläche.
Es zeigt sich, dass auch die Flächen um die sehr große Siedlung begangen wurden und verschiedenste Aktivitäten dort Artefakte gezeitigt haben. Der Stichel ist nicht per se ein neolithisches Gerät, sondern ist mehr in älteren Kulturstufen zu Hause.
Die Ausdehnung der Siedlungsfläche mit ihren peripheren Aktivitätszonen, sowie die Zeitspanne in der das Areal ihre kulturellen Niederschläge erfuhr wird so mit jedem neuen ein gemessenen Fund aufschlussreicher. Neben den Kratzern gehören die Stichel zu den wichtigsten jungpaläolithischen Werkzeugen Europas. Sie werden im Mesolithikum Europas seltener, kommen aber auch im Neolithikum vor. (Hahn, Artefaktmorphologie 1991).

Freitag, 14. Juni 2013

461. Post. Feuerzeugkomponenten aus dem Geissenklösterle?


Auch weniger Geschichtsinteressierten werden in den  vergangenen Jahren und Jahrzehnte schon Archäologen auf gefallen sein, die im Aachtal mit dem Ausschlämmen des Erdaushubs aus den Höhlen beschäftigt waren. Dies ist notwendig, damit nicht auch nur der kleinste Splitter von Figurinen oder etwa Knochen von Kleinsäugern, Fischen und Vögeln und die Mikrodebitage von der Steingeräteherstellung übersehen werden können.



Da die Funde über die Jahrtausende meist oberflächlich dieselbe Farbe wie das sie umgebene Sediment an genommen haben, ist ein scharfes Auge notwendig, alle Funde zu erfassen. Es kommen dabei Siebe mit verschiedener, immer feinmaschiger werdenden Gittern zum Einsatz. Die letzte Stufe wird besonders akribisch aus gelesen und auch die Lupe kommt zum Einsatz. Dass diese Methoden in der Anfangszeit der archäologischen Grabungen in Höhlen nicht gebräuchlich war und die Archäologie als "Wissenschaft des Spatens" bezeichnet wurde, beschreibt die teilweise sehr groben Methoden, die zum Einsatz kamen. Sogar Loren auf Schienen wurden zum Abtransport des Aushubs ein gesetzt. Mit weitsichtiger Akribie wurden aber auch schon in früheren Zeiten Grabungen vor genommen, die man durchaus schon als wegweisende archäologische Standards bezeichnen kann. Besonders die Nachgrabung am Vogelherd in den Abraumhalden früherer Grabungen zeigt aber, dass auch sehr gründliche Untersuchungen Lücken aufweisen, zumal sie z.B. im Vogelherd unter dem Zeitdruck von Kriegsereignissen statt fanden.

Als einer der ersten ständigen Höhlenführer im Hohle Fels hatte ich schon während den Grabungen von Joachim Hahn oft die Gelegenheit den Archäologen in Hohle Fels und Geissenklösterle über die Schulter zu schauen. Was nach den Schlämmvorgängen über das Sieb hinaus in der Aach landete erweckte in mir schon immer lebhaftes Interesse. Absplisse von Silex, Kleintierzähne oder einmal eine Bärenkralle waren das von internationalen Studenten viel bestaunte Ergebnis meiner Neugier. Einige Stücke die noch dem Planquadrat zu geordnet werden konnten kamen so als "Streufunde" mit in die Auswertung. Vieles mag sich seit dieser Zeit geändert haben, die Methoden haben sich verfeinert. Meine auch. 

Schwefelkiesfragmente aus dem Geissenklösterle. Pyrit ist u.a. verantwortlich für die Farbe des sogenannten Schwarzen Jura ( fälschlicherweise Ölschiefer) sollte aber in einer Weißjurahöhle etwas Intrusives sein. 
Zu diesen Funden, die keine Beachtung fanden, nicht erkannt wurden oder als unbedeutend ein gestuft worden waren gehören zwei Fragmente von kleinen Schwefelkiesknollen/ Pyrit.
Schwefelkies bzw. Pyrit oder das Verwandte Markasit spielten bei der Erzeugung von Feuer in der Steinzeit eine bedeutende Rolle, und waren für den jugendlichen Freizeitforscher jedenfalls von Interesse. Sie stammen aus dem Schlämmaterial der Aach beim Geissenklösterle, das Jahr der Grabung kann ich leider nicht mehr genau nach vollziehen, müsste aber zwischen 1985 und 1990 gewesen sein. 
Joachim Hahn beim Schlämmen am Hohle Fels. Schwäbische Zeitung, 4.August 1988, Foto Dolde.
Bei Steinzeit&Co von Christian Fuchs lesen wir:
"...Schwefelkies zerfällt oft innerhalb weniger Jahre durch Einwirkung von Feuchtigkeit und Sauerstoffeinfluss an der Erdoberfläche zu Eisenoxidhydrat, besser bekannt als Limonit oder Brauneisenerz...."
Vom Vogelherd ist eine Pyritknolle bekannt, die wohl zum Feuerschlagen Verwendung fand. Anhand der großen Zahl von gefundenen Feurschlägern (Silex mit entsprechenden Schlagspuren) muss es sie über die Jahrtausende wohl in großer Zahl gegeben haben, erhalten sind nur wenige. Siehe auch: 

http://www.steinzeitwissen.de/neolithikum/schwefelkiesknolle-mit-schlagkerbe